Die psychoaktive Wirkung von achtsamen Wellnessmassagen
Wie C‑taktile Fasern, Nervensystem und Selbstwahrnehmung zusammenwirken – und warum die Indiva‑Massage diesen Prozess unterstützt
Berührung als psycho-neurobiologisches Ereignis
Moderne Berührungsforschung zeigt, dass Massage weit mehr ist als mechanische Muskelarbeit.
Sie ist ein neurobiologisches Ereignis, das tief in die emotionale und psychische Regulation eingreift. Deshalb mag ich auch die Bezeichnung „Berührungsmedizin“, die man auch aus dem Bereich der Kranken- oder Altenpflege kennt.
Die Forschungen von Prof. Dr. Bruno Müller‑Oerlinghausen (Psychopharmakologie) und Gabriele Mariell Kiebgis (Entwicklerin der Psychoaktiven Massage) haben dieses Feld maßgeblich geprägt.
Sie zeigten anhand von Studien, dass achtsame, langsame Berührung nachweisbar psychoaktiv wirkt – sie verändert messbar das innere Erleben. Ihr gemeinsames Buch „Berührung – warum wir sie brauchen und wie sie uns heilt“ erschien 2018 und erklärt auf wissenschaftlicher Basis, warum sich Menschen nach achtsamen Massagen so wohlfühlen – bei regelmäßigen Behandlungen auch nachhaltig.
Im Rahmen der Forschungen kam die Psychoaktive Massage (PAM) nach Gabriele Mariell Kiebgis zum Einsatz. Sie basiert auf der Kalifornischen Massage. Aber ob Hawaiianische, Ayurvedische, Kalifornische, Balinesische oder andere dem Spektrum der sanften Massagen: Sie alle integrieren langsame achtsame Streichungen – im Gegensatz zu den sportlich-physiotherapeutischen Ansätzen der der medizinischen (schwedischen) Massagen.
Rezeptoren in der Haut senden ans Gehirn
Die Haut ist von einem Netz an Rezeptoren und Nerven überzogen, die dem Gehirn verschiedene Informationen über den Kontakt und die Umgebung geben. Druck, Schmerz, Temperatur, Reibung werden so wahrgenommen. Für die psychoaktive Wirkung sind C-taktile Nervenfasern (CT-Fasern) entscheidend.
C‑taktile Fasern – das „emotionale Berührungssystem“
C‑taktile (CT) Fasern bilden eine spezielle Klasse von Nervenfasern in der Haut. Sie liegen in der sogenannten ‚behaarten Haut‘ – also in allen Hautbereichen mit Haarfollikeln, auch wenn dort keine sichtbaren Haare wachsen. Besonders viele finden sich im Rücken.
CT-Fasern unterscheiden sich funktionell von den schneller leitenden A‑taktilen Fasern und sind für das emotionale und soziale Wohlbefinden zuständig. Sie reagieren nicht auf Druck oder Kraft, sondern auf:
- sanfte, langsame Streichbewegungen
- Hauttemperatur
- rhythmische, gleichmäßige Berührung
⇒ Sie sind evolutionär dafür gemacht, Zuwendung, Nähe und Sicherheit zu vermitteln.
Was CT‑Fasern besonders macht
Sie leiten ihre Signale nicht in die motorischen oder sensorischen Zentren des Gehirns. Stattdessen projizieren sie in das limbische System, insbesondere:
- Insula (Körperwahrnehmung)
- anteriorer cingulärer Cortex (Emotion)
- Amygdala (Stress, Sicherheit)
⇒ Das bedeutet: CT‑Berührung ist direkt mit emotionaler Verarbeitung verknüpft.
Warum sich Berührung „so gut“ anfühlt – die neurochemische Antwort
Wenn CT‑Fasern aktiviert werden, passiert Folgendes:
Das Bindungshormon Oxytocin wird ausgeschüttet und
- fördert Vertrauen
- reduziert Angst
- stärkt Bindung
- erzeugt Wärme und Wohlgefühl
Das vegetative Stresssystem fährt herunter
- Cortisol sinkt
- Dopamin wird ausgeschüttet
- Herzfrequenz und Blutdruck regulieren sich
- der Parasympathikus übernimmt
⇒ Das Gehirn bewertet Berührung als „sicher“
Diese Bewertung ist entscheidend für die psychoaktive Wirkung von Massagen, denn nur in einem Zustand von Sicherheit kann der Körper regenerieren und die Psyche sich beruhigen.
Berührung und Selbstwahrnehmung – das Konzept der Interozeption
Prof. Bruno Müller‑Oerlinghausen und Gabriele Mariell Kiebgis betonen, dass Berührung das Körper‑Ich stärkt – also die Fähigkeit, sich selbst im eigenen Körper zu spüren.
In der Psychoneuroimmunologie spricht man von drei Konzepten der Wahrnehmung durch das Sinnessystem:
- Exterozeption nimmt die Eindrücke von außen wahr über Schmecken, Sehen, Hören, die Haut und den Tastsinn.
- Propriozeption nimmt die Körperlage und -position im Raum wahr.
- Interozeption registriert alle Informationen von innen wie wie die volle Blase, Herzklopfen und auch Hautempfindungen wie das Wohlfühlen beim Streicheln der Haut. CT‑Berührung ist zwar exterozeptiv, wird aber im interozeptiven Netzwerk verarbeitet.
In der Massagetherapie werden alle drei Wahrnehmungskonzepte angeregt über die Raumdekoration, die Raumdüfte, Entspannungsmusik und die bequeme Lagerung auf einer warmen weichen Massageliege. Durch die eigentliche Massage selbst liegt dann ein klarer Focus auf Anregung der Interozeption. Nach-Innen-Spüren. Und das ist genau das, was im modernen Leben weniger geworden oder ganz verloren gegangen ist durch die Dominanz der äußeren Eindrücke.
Warum das Nach-Innen-Spüren so wichtig ist
Viele Menschen verlieren durch Stress, Trauma, Überlastung, zu lange Onlinezeit oder chronische Anspannung den Zugang zu ihrem Körper. Sie „funktionieren“, aber sie spüren sich nicht mehr. Von mangelnder Selbstwahrnehmung bis Depression und Burnout ist es dann nicht mehr weit.
Die CT‑Faser-Aktivierung wirkt hier wie ein Reset für das Nervensystem:
- Die Insula (Zentrum der Körperwahrnehmung) wird aktiviert.
- Das Gehirn bekommt wieder Signale aus dem Körper.
⇒ Das Gefühl von „Ich bin wieder da“, „Ich kann mich wieder in mich einloggen.“, „Ich bin wieder bei mir.“ entsteht.
Die psychoaktive Wirkung achtsamer Wellnessmassagen
Die Forschung zeigt, dass bestimmte Massageformen – besonders solche mit langsamen, rhythmischen Streichungen wie sie in Wellnessmassagen integriert sind – folgende Effekte haben:
Emotionale Regulation:
Innere Unruhe sinkt, Stimmung stabilisiert sich.
Verbesserung des Körperbildes:
Der Körper wird wieder als „zu mir gehörend“ erlebt.
Reduktion von Stress und Übererregung:
Das Nervensystem findet zurück in Balance.
Förderung von Kohärenz:
Körper und Psyche arbeiten wieder zusammen.
⇒ Diese Effekte sind der Kern dessen, was Müller‑Oerlinghausen und Kiebgis als psychoaktive Wirkung beschreiben.
Was bedeutet das für die Indiva‑Massage?
Die Indiva‑Massage ist keine zertifizierte Psychoaktive Massage nach Gabriele Mariell Kiebgis – und das braucht sie auch nicht sein. Aber sie teilt als achtsame Körperarbeit viele der neurobiologisch wirksamen Elemente, die CT‑Fasern aktivieren:
Psychoaktive Elemente
- langsame, fließende Streichungen und Ausstreichungen
- rhythmische Sequenzen
- achtsame Präsenz
- ein klarer Fokus auf Sicherheit und Ankommen
- ein Raum, in dem der Körper wieder spürbar wird
⇒ Dadurch kann die Indiva‑Massage ebenfalls psychoaktive Effekte auslösen:
- Nervensystem runterfahren
- wieder im Körper ankommen
- mental klarer werden
- sich selbst wieder fühlen
Sie ist damit eine achtsame Körperarbeit, die das emotionale Berührungssystem anspricht und das Nervensystem reguliert – ohne therapeutische Ansprüche zu erheben oder offiziell zertifiziert zu sein.
Fazit: Es ist nicht nur ein Gefühl – es ist wissenschaftlich belegt
Die psychoaktive Wirkung von sanften Massagestreichungen ist wissenschaftlich gut belegt. CT‑Fasern, limbische Aktivierung und neurochemische Prozesse erklären, warum achtsame Wellnessmassagen so tief wirken.
Die Indiva‑Massage nutzt viele dieser Mechanismen intuitiv und auch sehr bewusst: So bringe ich meine Kundinnen und Kunden zurück in ihren Körper. Und damit zurück zu sich selbst.
Mehr Wissen
Buch Prof. Bruno Müller‑Oerlinghausen & Massagetherapeutin Gabriele Mariell Kiebgis
➝ Amazon „Berührung. Warum wir sie brauchen und wie sie uns heilt“ Ullstein Verlag 2018
Buch von Gabriele Mariell Kiebgis „Lehrbuch der Psychoaktiven Massage (PAM)
➝ Amazon: Lehrbuch der Psychoaktiven Massage (Schattauer Verlag 2023)
„Die Macht der sanften Berührung“ Dokumentation aus 2022, ARD Mediathek
➝ Link zur ARD-Mediathek Doku
Forschung zu affektiver Berührung & Selbstwahrnehmung
Schmitz, L. (2022). Affektive Berührung im späten Erwachsenenalter. Masterarbeit, Universität Graz. ➝ https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/content/titleinfo/7869691
Stangl, W. (2026). C‑taktile Fasern – Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik. ➝ https://lexikon.stangl.eu/14177/c-taktile-fasern/

